Pflanzliche Extrakte zur Prävention einer Infektion mit Sars-CoV-2

K. Kraft, V. Spiegler und A. Hensel
Gesellschaft für Phytotherapie, Bonn

Die Pandemie mit dem Sars- CoV-2-Virus wird noch viele Monate andauern. Ein wirksames antivirales Medikament ist bisher nicht verfügbar, ebenso wenig ein Impfstoff. Daher werden wir zur Prävention einer Infektion weiterhin Abstand halten, Hygienemaßnahmen durchführen und eine Mund-Nasen-Maske im öffentlichen Raum tragen müssen. Die Wirksamkeit dieser Präventionsmaßnahmen ist wissenschaftlich kaum abgesichert.  

Inzwischen kennen wir wesentliche Eigenschaften von Sars-CoV-2. Das Virus gehört wie die Influenza-Viren zu den umhüllten, Einzelstrang-RNA-Viren. Deren Hülle besteht aus einer Lipiddoppelschicht, in die Proteine eingelagert sind, die für die Erkennung der jeweiligen Wirtszellen und das Andocken des Virus verantwortlich sind. Bei den Corona-Viren heißen sie S(pike)-Glykoproteine. Erst kurz vor der Bindung an die Zielzelle nehmen sie eine Form an, mit der das Virus an spezielle Bindungsstrukturen (ACE2-Rezeptoren) von Wirtszellen andocken kann. Danach dringt es in die Zelle ein und vermehrt sich doch. Sars-CoV-2 gelangt über Tröpfchen in den Nasenrachenraum und dockt dort ebenso wie z. B. die Influenza-Viren an. Weitere bekannte Angriffsorte sind die Hornhaut der Augen und der Darmschleimhaut.

Kann Phytotherapie bei der Infektion durch Sars-CoV-2 einen Beitrag leisten?

Prinzipiell gibt es zwei Strategien: Die Bekämpfung des Virus selbst (antivirale Therapie) und die Stärkung der körpereigenen Abwehr. Leider gibt es aufgrund der seit Jahren nahezu fehlenden staatlichen Forschungsförderung im Bereich der Phytotherapie nur vereinzelte präklinische, jedoch keine einzige klinische Untersuchung mit früheren Corona-Viren, speziell mit SARS-CoV-1, dem Verursacher der ersten Corona-Krise 2002/2003, und MERS-CoV. Daher bleibt nur der Rückgriff auf die wenigen Untersuchungen mit anderen umhüllten Viren übrig.

1. Antivirale Therapie:

a)    Einige Arzneipflanzen enthalten erhebliche Mengen an Gerbstoffen (Tanninen), die sehr unterschiedliche Strukturen haben. Sie interagieren aber alle stark mit Proteinen und verändern dadurch teilweise erheblich deren Struktur und –Funktionalität. Sie können deshalb unspezifisch antimikrobiell wirken und z. B. die Funktion der viralen Hüllproteine und damit den Andockvorgang behindern. Diese Wirkung wurde in vitro (d.h. im Reagenzglas) bei Influenza-Viren gezeigt, z. B. für Grüntee(extrakte), Sauerampfer- und Zistrosenkrautextrakte. Die Tannine aus Zistrosenkraut wirkten auch im Tierexperiment gegen Influenzaviren.

b)    Manche ätherische Öle aus Arzneipflanzen wirken gegen umhüllte Viren, da sie aufgrund ihrer Fettlöslichkeit nicht nur die fetthaltige Virushülle angreifen, sondern vermutlich auch die Funktion der Andockproteine beeinträchtigen. So zeigt z. B. das ätherische Öl aus Salbeiblättern, das die Monoterpene 1,8-Cineol und β-Ocimen in höheren Konzentrationen enthält, virustatische Aktivitäten bei Coronaviren in vitro.

c)    Für Zubereitungen aus Sonnenhutarten (Echinacea species) wurden in vitro  antivirale Wirkungen beschrieben, wobei der Wirkmechanismus bislang unklar ist. Neben direkten antiviralen Effekten, die aber lediglich unter in vitro Bedingungen untersucht wurden, wurde eine Stimulation von Immunzellen des unspezifischen Immunapparates (Makrophagen, natürliche Killerzellen) gezeigt. Die für Sonnenhut-Präparationen etwas unübersichtliche Datenlageergibt sich aus der Vielzahl unterschiedlich hergestellter und spezifizierter Testzubereitungen, aber auch aus der hohen Komplexizität der beteiligten Inhaltsstoffklassen: Ein ethanolischer Extrakt aus Kraut und Wurzeln, der vor allem Kaffeesäurederivate und Alkamide enthielt, verhinderte in vitro die Aufnahme von Influenzaviren durch Bindung an das Protein Hämagglutinin auf der Virushülle. Dadurch konnte der Vireneintritt in die Zelle verhindert werden. Hierzu muss der Extrakt jedoch frühzeitig, nämlich noch vor der Infektion, mit dem Virus interagieren können. Wässrige Extrakte und vor allem Presssäfte aus Frischpflanzen enthalten Polysaccharide, also langkettige Zucker, die zwar keinen direkten antiviralen Effekt haben, aber über Modulation des Immunsystems zu einer verbesserten Symptomatik beitragen können.

2. Stärkung der Abwehr:

a)    Der Mund-Rachenraum könnte vermutlich durch Gerbstoffe gegen das Eindringen von Viruspartikeln geschützt werden, denn sie können mit Proteinbestandteilen z.B. im Speichel und mit Oberflächenproteinen der Mundschleimhaut einschließlich der Zunge interagieren (die Eiweiße werden „gegerbt“). Zudem werden sie für eine gewisse Zeit auf den Schleimhautoberflächen fixiert. Wie lange dies am lebenden Organismus anhält, ist bisher unbekannt. In fünf kontrollierten klinischen Studien fand sich eine präventive Wirkung gegenüber Influenzaviren durch regelmäßiges Gurgeln mit dem stark gerbstoffhaltigen Tee aus Grüntee bzw. mit Grüntee-Extrakt über mehrere Monate. Auch Salbeiblätter enthalten Gerbstoffe in höheren Konzentrationen, allerdings liegen keine klinischen Studien zu Virusinfektionen vor.

b)      Die Wurzel der Kapland-Pelargonie (Pelargonium sidoides DC) zeigt antivirale Wirkungen in vitro z. B. gegen Parainfluenzavirus.

Wirksamkeitsbestimmend sind hier ebenfalls Gerbstoffe, die selbst nicht viruzid wirken, die die Wirtszellen aber so modifizieren, dass ein Eintritt in die Zelle und das Wachstum der Viren unterbunden werden. Im Fall von Rhinoviren wurde eine verstärkte Bildung von Abwehrproteinen auf der Oberfläche von Bronchialzellen beobachtet, gleichzeitig waren bestimmte Andock-Proteine in geringerem Maße auf der Zellmembran vorhanden. In Mäusen, die mit Influenza A Virus infiziert wurden, verbesserte die inhalative Behandlung mit Pelargonienextrakt die Überlebensrate erheblich.

c)    Der Hauptbestandteil 1,8-Cineol des Eukalyptusöls schützte Mäuse, die mit Influenzavirus-C infiziert waren, vor einem schweren Verlauf der Infektion, vermutlich infolge seiner bekannten antientzündlichen Wirkung.

d)    Für verschiedene Zubereitungen aus Sonnenhutarten wurden modulierende Wirkungen auf an der Abwehr beteiligten Immunzellen beschrieben. Einige Zubereitungen waren bei der Prävention und Therapie von Virusinfektionen beim Menschen wirksam, bei an Corona-Viren Erkrankten wurden jedoch keine klinischen Studien durchgeführt.

Phytotherapie, die bei der aktuellen Epidemie praktikabel und infolge bisheriger wissenschaftlicher Untersuchungen plausibel ist und selbst angewendet werden kann

Folgende Maßnahmen könnten vor, während oder unmittelbar nach einem möglichen oder sicheren Kontakt mit Sars-CoV-2 eingesetzt werden:

  1. Inhalationen und Nasensalben mit ätherischen Ölen, die z. B. 1,8-Cineol enthalten wie das Eukalyptusöl,  könnten sowohl gegen das Virus selbst prophylaktisch wirken als auch Entzündungsreaktionen nach der Infektion reduzieren, wodurch der Verlauf der Erkrankung abgemildert werden könnte.
  2. Hochkonzentrierte Gerbstoffextrakte aus Zubereitungen von Salbeiblättern, Grüntee etc. könnten in Mundhöhle als Prophylaxe eingesetzt werden, z. B. als Gurgel- und Mundspüllösung oder vielleicht auch als Zubereitungen zum Lutschen.

 Wichtig: Diese Maßnahmen könnten eine Möglichkeit zur Prävention der Infektion mit Sars-CoV-2 sein. Sie sollten aber nur bei aktuell vermutetem oder gesichertem Virus-Kontakt zusätzlich zu den anderen allgemein empfohlenen Präventionsmaßnahmen angewendet werden. Entsprechende Arzneimittel erhalten Sie in der Apotheke. Die Verwendung anderer Phytotherapeutika, die hier aufgeführt wurden oder die Sie bei Ihren eigenen Recherchen auffinden, sollten Sie auf jedem Fall vor dem Einsatz zur Prävention oder bei Infektion mit Sars-CoV-2 mit Ihrem Arzt besprechen.

Die Gesellschaft für Phytotherapie wünscht Ihnen viel Gesundheit!

 

PS: Die Gesellschaft für Phytotherapie versucht unabhängig und fachlich fundierte Information zur rationalen, Evidenz-basierten Phytotherapie zu erstellen, zu publizieren, und zu diskutieren, dies auch mit dem Ziel der Förderung des Einsatzes von pflanzlichen Arzneimitteln in der klinischen Praxis, aber auch zur Unterstützung der Forschung im Bereich der pflanzlichen Naturstoffe und Phytopharmaka.

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